Pause-Rückblick 2023

Sechs Stunden sind vom Jahr noch übrig. Draußen knallt es schon die ganze Zeit.
97 Tage am Fels und im Eis, 120 Klettertage insgesamt – eigentlich hätte das ja passen müssen.

40 Pausetouren, 13 gescheiterte Versuche, 53 Mal losgezogen.

3 ungeplante Biwaks, 17.450 Klettermeter, unzählige Höhenmeter, Zweifel und unendlich viele Stunden der Planung, Buchhaltung und Arbeit. Hätte ich gewusst, dass das Projekt so viel Arbeit ist, hätte ich es dann gestartet, am 1. Januar 2023? Wahrscheinlich trotzdem.

Es wurden Wetten abgeschlossen, wie viele Touren ich schaffen werde. Höchstens 20, maximal 30 – zumindest übertroffen. Ich habe mich nicht umgeschaut und bin einfach gestartet. Alles andere hätte mental nie funktioniert.

Meine eigenen Erwartungen in Zahlen habe ich nicht erfüllt. 60 wären schön gewesen. War es frustrierend, zu merken, dass ich keine 100 schaffen werde? Nein. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich mich über jede einzelne Tour freuen muss, die ich schaffe.

Die Highlights 2023?

Ganz klar Schijenfluh Westverschneidung, 12.06.2023 mit Felix. Davor drei Tage Durchfall, Felix stürzt, Nico vergisst die Drone, aber die Cruxlänge ging onsight und die Kletterei war einfach Premium.

Laliderer Nordwand Schmidt-Krebs, 09.10.2023 mit Sybille. Nachts Stand an einem einzelnen Cam. Besser als tagsüber Stand an zwei räudigen Haken. Nach 17:30 Stunden Kletterzeit empfängt uns ein verschlafener Hans in der Biwakschachtel.

Heiligkreuzkofel Mittelpfeiler, der erfolgreiche Versuch am 17.03.2023 mit Niklaus. Wild. Kalt. Zerstört.

Hasse-Brandler an der Großen Zinne, 06.09.2023 mit Johnny. Einfach sau schwer, auf den Knien vor Alexander Huber.

Mein Solo-Versuch am Stockhorn/Bietschhorn, 20.08.2023. Wie kam ich auf die Idee, ich könnte den Verbindungsgrat solo klettern?

Tofanapfeiler Costantini-Apollonia am 29.09.2023 mit Míša. Lang und schwer und alles vorgestiegen. Dunkel war es auch. Der kleine Bruder von Hasse-Brandler.

Überschneidet sich alles, ich stehe eben auf Superlative.

Die bittersten Rückzüge?

Heiligkreuzkofel Mittelpfeiler am 18.02.2023 auf dem Luftweg

Schneck Ostwand am 06.04.2023 nach fast 6 Stunden Zustieg. Abseilen im Eisschlag und Wechtennebel

Les Droites Nordostpfeiler am 24.06.2023, Abseilen nach der zweiten Länge. So viele Stunden Zustieg für nichts. Umdrehen bei strahlendem Sonnenschein ist immer noch am härtesten.

Monte Agner Nordkante, 15.10.2023. Der Nebel hängt in den Latschen und alles ist feucht. Aber ich weiß, dass ich kein Biwak bei minus 5°C machen will. Also ab ins Oberreintal. So was macht nur Sybille mit.

Was möchte ich zurücklassen?

Die endlose Kälte. Den Druck. Mich alleine fühlen. Schlecht schlafen vor der Tour. Das schlechte Gewissen für die Wahl meines Lebensstils. Das schlechte Gefühl für manche Entscheidungen. Die Schmerzattacken im Unterleib. Auf dem Gipfel, zuhause, vor dem Losgehen. Das Gefühl, nicht anzukommen, und nie zu wissen, wohin es als nächstes geht. Mich am meisten immer auf Ruhetage zu freuen. Das Gefühl zu haben, ich kann eigentlich nichts und gehöre hier nicht hin. Die ständige Ungewissheit.

Was möchte ich mitnehmen?

Die Flows. Klettern am laufenden Seil, Rennen fast. Die Wolkenfetzen im Rosengarten und Sonnenaufgang an der Oberen Isar. Vollmond auf der Tofana di Rozes. Das letzte Licht am Gipfel der Seekarlspitze. Bei Mondschein nackt baden im Achensee. Kalte Finger in der Schober nach dem ersten Schnee. Nächtliche Ankunft im Laliderer-Biwak. Sybille, die mich motiviert, morgens um 5 in die Brenta zu fahren, nachdem ich nachts erst aus Marrakesch zurückkomme. Nico, der mit mir endlose Stunden am PC verbringt, die hundertste Änderung umsetzt, der sich unermüdlich in DaVinci Resolve hineinfuchst, und ohne den ich weder eine Website noch irgendwelche YouTube-Videos hätte.

Biwak im Rädlergrat, womöglich das erste der Geschichte. Leute, die so motiviert sind, dass sie mit Pickel und Steigeisen vereiste erste Seillängen klettern. Die stürzen und wieder aufstehen. Leute, die stürzen und weiterklettern, obwohl sich später herausstellt, dass sie gebrochene Rippen haben. Leute, die Seillänge um Seillänge im Dunkeln nachsteigen, ohne zu meckern. Leute, die im Regen vorsteigen, und ihre gute Laune behalten. Leute, die so brennen, dass sie über Nacht mit mir Pläne machen, ändern, durchziehen, und auch wieder umdrehen. Leute, die immer an meiner Seite sind, auch wenn es endloses Chaos gibt.

Eine wunderschöne Zeit in Marokko: mal endlich nur Klettern. So viele neue Sachen erleben. Das Gefühl, dass so viele Menschen mich unterstützen und motivieren. Den Luxus haben zu dürfen, dieses Leben so zu führen. 158 Tage zu Hause, 207 unterwegs.