Pausetour #37 Lalidererwand Nordwand Schmid-Krebs

onsight WF, überwiegend geführt
Sybille Rödig
Länge: Wandhöhe 850 m, Kletterlänge ca. 1230 m, ca. 34 SL
Kletterzeit: 17:30 h
Der Bruch ruft


Orientierungssinn, Moral und Kondition, Härte in andauernder, schwerer Freikletterei, noch dazu in nicht immer ganz sicherem Fels, sind unerläßliche Voraussetzungen […] Die Biwakschachtel unterm Gipfelgrat wurde nicht wegen Geldüberflusses errichtet“

Walter Pause, 1970, „Im extremen Fels“, in: Forum Rocksports, Tobias Bailer

Bis auf die harte Freikletterei (andere Zeiten) kann ich das so unterschreiben. Nachdem ich seit Monaten diverse Partner für die Laliderer zu motivieren versuchte, konnte ich ausgerechnet eine Frau dafür gewinnen. Wer weiß, ob wir womöglich die erste Frauen-Seilschaft überhaupt waren, die die Laliderer Nordwand durchstiegen hat?

Nach einer ersten schon recht brüchigen Verschneidung/Platte geht es gut weiter, und die ersten 13 Seillängen würde ich als halbwegs normale Alpinroute beschreiben, zu vergleichen mit der Seekarlspitze Ypsilon-Riss. Letztere hat zwar weniger Bruch, aber ab der Hälfte eine viel schwierigere Wegfindung.

Der senkrechte Dschungel mit zwischen losen Blöcken herabhängenden Farnen in der 5. Seillänge lässt erstmals erahnen, dass die Route nicht ganz normal ist. Wäre da nicht der blitzende neue Schlaghaken gewesen, hätte ich mich gefragt, ob wir falsch sind. (Wem darf ich danken?) Dann folgen leichte waagrechte Bänder und der tolle Quergang, ich fand das diagonale Anklettern des Bandes von unten absicherungstechnisch problemlos (anklettern und einen 3er weit oben in den Riss schieben), darauf folgt eine spektakulär-luftige Traverse, die sich aber optimal auflöst. Evtl. grünen 0.75er aufheben für den Stand.

Bald folgen die glatten Krebs-Risse und die Brösel-Verschneidung: regelrecht Plaisir gegenüber dem, was kommt. Die Verschneidung war schon nicht fest, aber gut zu klettern und gut abzusichern. Danach geht es mit Verlassen des Kamins eigentlich erst richtig los. Eine sketchy Querung – ich habe mit den Knien erstmal ein paar Brocken abgeräumt, die Richtung Sicherer in den Kamin fielen – führt nach rechts auf ein kleines flacheres Stück (semi-guter Stand rechts davon). Da mir dort das Anklettern der rechten Gufel besser gefiel, habe ich mich erstmal halb-wissentlich verstiegen und musste wieder abklettern, dort hängt jetzt ein Kettenglied im Schlaghaken, also da ist falsch. Nachdem Sybille dichter bei mir war, ging die strukturlose Stelle doch besser als gedacht und ich dachte noch, ach super, jetzt nur noch drei, vier Seillängen bis zum Ende der Schwierigkeiten. Ha. Gott sei Dank wusste ich nicht, was vor mir lag. Und Gott sei Dank sieht man in der Wand nie, wie viele Meter noch vor einem liegen.

Wenn David Bruder schon sagt, „die 100m-Wand ist doch sehr kühn“ (ich lese die ganzen Kommentare und Beschreibungen immer erst hinterher, sonst würden sie mich ja womöglich abstressen), dann muss es wohl wild sein. Ausgerechnet in dieser Passage setzte der Nieselregen ein, gepaart mit kräftigem Wind. Moralisch nicht gerade hilfreich. Auch unter „30 m clean“ hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Keine Schlaghaken – kein Problem, her mit den Rissen. Aber ich schaffte es trotz meiner fantasievollen Legetechniken auf den 30 Metern gerade mal, einen vernünftigen Cam sowie einen halbgeilen und eine flatternde Köpfelschlinge zu platzieren. Ein schwarzer Haken steckte gleich zu Beginn. Hammer hatten wir nicht dabei, aber wacklig an der Kante im Wind hätte ich so oder so nicht angefangen zu hämmern. Außerdem ist der Fels so kompakt, dass man an den entscheidenden Stellen nichts hineinbringt. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass der Stand darunter auch nicht direkt das Gelbe vom Ei war. Nach ein bisschen Zaudern wurde mir klar, dass ich so oder so keine Wahl hatte. Also redeten mir sowohl Sybille als auch ich selbst gut zu und ich kletterte irgendwie einfach hoch. Am Stand freute ich mich kurz, doch dann fing es noch kräftiger an zu nieseln, und die nächsten 30 m durfte ich zwar mit mehr Sicherungen, aber dafür auf nassem Fels überwinden. Na Gott sei Dank ist hier wenigstens nirgendwo Speck.

Pünktlich mit Einbruch der Dunkelheit hatten wir die letzte schwierige Seillänge überwunden (5+…?), zumindest ich, Sybille hing noch unten im Dunkeln an drei räudigen Schlaghaken, und dann kletterten wir einfach noch weitere sechseinhalb Stunden im Dunkeln weiter, denn auch der Rest war nicht geschenkt. Nach Bruch kommt brüchiger, und nach seilfrei war uns beiden nicht zumute. Kurz mal laufend gegangen, aber wir waren beide ordentlich zermürbt, zumindest im Kopf, also angeseilt; die Standplätze haben echt Fantasie erfordert.

Einzig die Wegfindung bereitete uns trotz der Dunkelheit eigentlich keinerlei Probleme. Brösel an Schotter, und auf den letzten hundertfünfzig Metern nach der Scharte muss man wirklich schauen, welchen Brocken man anpackt, und ein bisschen Beten gehört auch dazu. Zu guter Letzt durch die Erdrinne gewühlt, das ging ganz gut, ich habe dort sogar noch einen letzten Stand bezogen, und um 2:20 Uhr standen wir beide am Ausstieg.

Das mit den 10 Minuten zur Biwakschachtel hat auch irgendwer erfunden, und nach ca. 45 weiteren Minuten klopften wir um 3:30 Uhr an die Tür der Biwakschachtel. Dort wurden wir von einem überraschten Hans begrüßt, der sich, gar nicht mürrisch ob der Uhrzeit, noch nett mit uns unterhielt und sich beeindruckt zeigte, und uns dann am nächsten Morgen gar einen Tee servierte.

Insgesamt kann man der Tour schon das Prädikat „wild und brüchig“ ausstellen. Wir haben schon jeder ein paar Brocken abgeräumt, ob unter den Händen oder später den Füßen, ich öfter irgendwie mit den Knien, aber Gott sei Dank nichts Größeres. Eine gute Nase dafür, was hält und was nicht, ist sicherlich eine Voraussetzung für eine sichere Begehung der Tour.


Die Route lässt sich in vier bis fünf Teile teilen:

  1. Halbwegs normale Alpinroute bis SL 12 (Ende der Brösel-Verschneidung)
  2. Sehr anspruchsvolle und schlecht abzusichernde 2-3 SL und dann 2-3 weitere akzeptable SL bis auf das Band am Beginn der ersten „Schlucht“; bis dort sind wir 17 SL und ca. 670 m geklettert, 11 Stunden.
  3. Die Schlucht ist mehr eine große Rinne mit anfangs mehreren Verschneidungen; ich habe die linke gewählt, war mehr als 3+. Dem Rinnensystem in überwiegend leichter Kletterei folgen (eine Bruchseillänge 5+ wie bei Forum Rocksports beschrieben) bis auf recht eindeutige Schulter, jenseits derer man in die Gipfelschlucht absteigt (bei uns ca. 6 SL à 40,20,60,20,60,30 m), insg. ca. 230 m.
  4. Die schuttige Schlucht leicht linkshaltend bis zur kleinen Scharte ersteigen (bei uns ca. 4 SL à 100,30,30 m).
  5. Von dort stets linkshaltend über sehr loses grobbrockiges Gelände bis unter die Gipfelrinne, den linken gelben Felskopf anpeilen (die Farbe habe ich im Dunkeln nicht gesehen, aber die Information hat mir geholfen, danke Tobias), und zuletzt die Rinne mit dem Abschluss-Klemmblock hinauf (bei uns ca. 3-4 SL à 70,70,30 m). Teil 4 + 5 insgesamt ca. 330 m. Nach dem Ende der Schwierigkeiten folgen also nochmals ca. 560 m leichtere Kletterei. Wenn man wie wir fast alles sichert, dauert es, wir haben nochmals 6:30 Stunden gebraucht.


Den Abstieg durch die Spindlerschlucht empfanden wir beide dank Julius’ Skizze und den grünen Markierungen als recht entspannt und überhaupt nicht wild, 2:15 Stunden haben wir dafür gebraucht.

Danke an Tobias Bailer für die Beschreibung und die Fotos, dadurch wussten wir auch in der Nacht immer, dass wir richtig sind.

Danke an Julius Kerscher für die Tourentipps und das Teilen seiner geheimen Vorräte!

Danke an Nils für die Abstiegstipps (wir sind trotzdem erstmal zur falschen Scharte gelaufen, aber nach zwei Mal 4 Stunden Schlaf ist man vielleicht einfach ein bisschen neber der Kapp).

Von mir vor allem Danke an Sybille, die Bock hatte auf so einen wilden Scheiß!